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Samstag, 23. März 2019

Bora Ćosić: Immer sind wir überall

Bora Ćosić:
Immer sind wir überall
Reisen in Italien und Österreich



„Sinnliche Streifzüge durch Landschaften, Kulturräume und Küchen“ lautet die Kurzerklärung des Inhaltes dieses Buches vom Verlag. Sinnlich ist ohnehin der passende Begriff für das schmale Büchlein, das den Freund schöner Bücher überkommt, wenn er das Werk in den Händen hält.

Es ist ein Reisebuch. Aber keines mit irgendwelchen Anleitungen, was denn alles zu besichtigen sein, wann jenes erbaut und etwas anderes umgebaut wurde. Nein, ein Reisebuch, das man mitnimmt und in der Muße, die man abends oder zwischen den verschiedenen Verpflichtungen eines Reisenden hoffentlich hat, zur Hand nimmt. Eigentlich nichts besonderes, aber trotzdem heute eher selten: Fest gebunden, zurückhaltend, aber vornehm gestaltet, auf feinem Papier ein haptischer und visueller Genuss. Ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt. Auch wenn das alleine natürlich nicht der einzige Sinn und Zweck von Literatur ist.

Reisen also ist das Thema des Werkes. Reisen durch Italien und Österreich. Das kann natürlich nur ein kurzer Auszug aus dem Leben und den Erinnerungen von jemand sein, der in diesen beiden Ländern unterwegs war. Aufmerksam unterwegs war. Im österreichischen Teil des Buches zum Beispiel entlang der Donau.

Was sieht und riecht ein großer, lebensweiser, mehrfach preisgekrönter Europäer, wenn er durch Europa reist? Einer, der in seiner Person viele Kulturen vereint und den der Krieg staatenlos gemacht hat … Welche Bilder entstehen in seinem Kopf, wenn er den Duft von Aprikosen atmet – oder den von Zimt, Kaffee, Vanille … wenn er in Rom vor den Trümmern der Antike steht, vor dem verschmitzt lächelnden heiligen Prokulus in Naturns, vor den sanft gewellten Weinbergen von Melk und Krems, wenn er in die weltbeste Salami aus dem umbrischen Norcia beißt oder in Wien auf den Künstler Spoerri trifft …?

Der preisverwöhnte Autor Bora Cosic pflegt eine feine Sprache, zurückhaltend, geschliffen, nicht reißerisch, auch nicht im Stakkatostil, sondern, mir fällt gerade kein anderer Begriff ein, gepflegt. Der Text fließt so dahin, fliegt fast dahin, dass man gar nicht merkt, wenn der Autor in seinen Gedankengängen das Sujet wechselt. Dafür ist sicher nicht zuletzt der Übersetzerin zu danken, die die Gedanken des Autors ja ins Deutsche gießen musste. Er lässt uns teilhaben an seinem inspirierenden Gedankenstrom, an den überraschenden Assoziationen, die ihn auf seinen Reisen nach Italien und entlang der Donau bewegen – und die sich schließlich zu einem wundersamen Bild Mitteleuropas fügen.


Zum Autor:
Bora Ćosić, geboren 1932 in Zagreb, lebt seit 1992 in Rovinj/Istrien und Berlin. Studium der Philosophie in Belgrad, Übersetzer von Chlebnikow und Majakowski ins Serbokroatische. Sein Werk zeigt Einflüsse der Psychoanalyse. Ćosić galt als Vertreter der Belgrader Avantgarde. Zahlreiche Preise, u. a. Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2002. Wichtigste Buchpublikationen in deutscher Übersetzung: „Wie unsere Klaviere repariert wurden“ (1968), „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ (1994), „Die Zollerklärung“ (2001), „Das Land Null“ (2004), „Die Reise nach Alaska „(2007). „Irenas Zimmer“ (Gedichte, 2005).
Foto: (c) privat

Bora Ćosić: Immer sind wir überall. Reisen in Italien und Österreich. Deutsche Originalausgabe. Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber. TransferBibliothek CXLIII. 128 Seiten, Format 13,5 x 21 cm. Folio Verlag, 2019. ISBN 978-3-85256-781-5. € [D/A/I] 20,–

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Mittwoch, 3. Februar 2016

Julien Blanc-Gras: Tourist

Julien Blanc-Gras:  Tourist  
Wie ich mit Buddhas Mutter zu Abend aß, in Mosambik Frösche fing und Radarfallen im Busch entkam



Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und zugegeben, es ist seit dem Erscheinen des „Tourist“ von Julien Blanc-Gras nun doch schon fast ein Jahr her. Aber man kann eben nicht alles immer gleich entdecken. Ob als Tourist oder als aufmerksamer Rezensent. Sei’s drum.

Aber besser etwas später als nie. Und mein erster Eindruck: Haptik und Layout ist bei einem Buch nun nicht gerade das Wesentlichste (kann man das überhaupt steigern???). Aber trotzdem wesentlich. Zumindest für mich. Wenn ich ein Buch in der Hand halte, dann habe ich ein ganz anderes Gefühl dafür als wenn ich den Text mir am Bildschirm ansehe. Fühlen, sehen. Schmecken nun nicht gerade. Aber es gibt Bücher, die riechen unangenehm. Aber das sind vor allem Bildbände auf Hochglanzpapier. Aber dieses Buch, nach alter Art fein ausgestattet mit Schutzumschlag und Lesebändchen, gibt mir von Anfang an ein gutes Gefühl.

Berufswunsch: Tourist!
Es gibt unangenehmere Berufe. Und so war Julien Blanc-Gras bereits als Kind ist fasziniert von Karten und schlief lieber mit einem aufblasbaren Globus ein als mit einem Kuscheltier. Seither ist er seinem erklärten Ziel, jedes Land der Welt zu bereisen, ein beachtliches Stück näher gekommen. Die „Magie der Karten“ bescherte ihm seinen erste ästhetischen Schock, schreibt er. Auch die körperliche Seite der Geografie entdeckte er nach einer Zeit der „platonischen Liebe“. Bei einer Lebenszeit von 30 000 Tagen, so liest man in seiner Präambel, rechnete er sich durchschnittlich fünf Monate für jedes Land aus. Nun gut, einige Länder lassen sich vielleicht auch schneller erledigen – Luxemburg etwa erklärt der Autor nach einem kurzen Tankstopp bereits für abgehakt …

Von der Krümmung des Universums bis zur Sexszene
Der Autor macht es seinen Lesern einfach: Das Buch ist gegliedert in Episoden, die da heißen wie die erste: „Englische Episode, in der man die Bedeutung der Reisefreiheit erfasst“ oder die letzte „Mosambikanische Episode, in der man mit der Landschaft verschmilzt“. Dazwischen geht es unter anderem nach Indien. Nach Marokko, nach Polynesien, Brasilien, China, Madagaskar und in andere Länder.

Episoden die man kaum für wahr hält
Blanc-Gras‘ Themen sind Buddhas Mutter, lächerliche Länder, Karaoke, die Krümmung des Universums und natürlich auch Sex, dem ebenfalls eine Episode gewidmet ist. Wie wird man für einen Bollywood-Film gecastet, frägt er sich? Was kann in der marokkanischen Wüste noch mehr nerven als ein Heuschreckenschwarm? Wovon ernährt sich der Buddha Boy? Wie übersteht man Affenattacken in Indien, Schlammbäder in kolumbianischen Vulkanen, Karaokewettbewerbe auf dem Jangtsekiang? Und vieles mehr noch, zum Glück, 235 Seiten lang.

Mutig in der heutigen Zeit: politische Unkorrektheit
Der reiseverrückte Autor liefert nicht nur Antworten auf diese und viele weitere Fragen; er stellt sich auch unbequemen Wahrheiten, denen er mit einer gehörigen Prise schwarzen Humors und politischer Unkorrektheit begegnet, wo es ihm notwendig erscheint. Wer traut sich das noch, immer mit dem Hintergedanken, einen shit-Sturm zu entfachen, dem man vielleicht nicht mehr Herr wird? Dank sei also mutigen Leuten, die es sich getrauen, auch mal frech und unkorrekt zu sein.

Mit selbst ernannten Weltverbesserern hat der Autor nämlich genauso wenig gemein wie mit ehrgeizigen Abenteurern, und durch sein kurzweiliges Buch beweist er, dass es für die Entdeckung der Welt nicht viel mehr braucht als Höflichkeit, Neugier und Offenheit.

Alles ist spannend, interessant und perfekt geschrieben bzw. übersetzt, mit so viel persönlichem Engagement und Erlebnis, dass man sich fragt: Ist die Geschichte mit der Lebensreise wirklich wahr oder ist der Autor „nur“ ein begnadeter Erzähler und viel Phantasie? Beschrieben wird er jedenfalls als „leidenschaftlicher Reisender“. Würde mich schon interessieren, ist aber letztendlich auch egal. Die Zeit mit dem Buch war es wert, sich darin verloren zu haben. Und zwar auf dem heimischen Sessel. Und das ist doch auch schon was…

Zum Autor:
Julien Blanc-Gras, geboren 1976 in Gap in den französischen Alpen, ist Journalist, Buchautor und leidenschaftlicher Reisender. Tourist, in Frankreich ein Erfolg bei Presse und Publikum, ist sein erstes Buch, das auf Deutsch erscheint. Zuletzt veröffentlichte er den kritischen Bericht Paradis (avant liquidation) über seinen Aufenthalt auf den durch den steigenden Meeresspiegel bedrohten Kiribati-Inseln.

Julien Blanc-Gras: Tourist Wie ich mit Buddhas Mutter zu Abend aß, in Mosambik Frösche fing und Radarfallen im Busch entkam. Aus dem Französischen von Annika Loose, 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Verlag mare. ISBN 978-3-86648-219-7. 20 €.


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Mittwoch, 26. März 2014

Andreas Austilat: Hotel kann jeder


Andreas Austilat: 
Hotel kann jeder


Willkommen im Vorzelt zur Hölle Wie aus einem Nichtcamper ein Mann mit Wohnwagen und Hang zum Abenteuer wurde…


Ist es die große Freiheit oder das Spießerparadies? Die einen blicken kopfschüttelnd auf die angeblichen Biedermänner in Feinripp, die mit Wohnwagen, Frau und Kind(ern) in die Ferien aufbrechen. Und die anderen? Ja, die wissen, wie schön Campen sein kann…

Andreas Austilat gehörte lange zur ersten Fraktion, bis er seine Frau kennenlernte. Dass sie aus einer Camperfamilie stammt, hat er anfangs nicht einmal wahrgenommen. Und er hatte deshalb auch keine Ahnung, dass diese Tatsache sein Leben verändern würde… Bis es eines Tages ernst wurde und mit der ersten Anhängerkupplung der erste Urlaub im Wohnwagen kam.

Doch auch höchst beengte „Nasszellen“, Nachbarn mit „Fotowesten“, Adiletten und Jägerzaun konnten Austilat nicht erschüttern. Aller Anfang ist schließlich schwer, und Camper unter sich lassen sowieso niemanden hängen. Das wird schon! Und überhaupt: Wer knüpft sonst schon neue Freundschaften beim Warten in der Endlosschlange auf eine freie Duschkabine? Und wo können Männer noch echte Männer sein und das Chemieklo entsorgen? Eben!

Also taucht Austilat ein in eine Welt, in der ein Vorzelt schon mal 2.000 Euro kosten kann, bekommt ein ganz neues Gefühl für Entfernungen und besteht Abenteuer um Abenteuer bei seinen Reisen durch halb Europa. Austilat kennt die Tücken und Vorzüge vieler Campingplätze, schwärmt von der Hilfsbereitschaft auf dem Platz, ist stolzer Besitzer mindestens eines Zelthammers und weiß genau, was er tun muss, falls sein Gespann mal bei voller Fahrt ins Schlingern kommen sollte – im Zweifelsfall: immer bremsen!

Geschrieben hat Andreas Austilat sein kurzweiliges Plädoyer für das „mobile Leben“ natürlich im Wohnwagen, denn schließlich gilt: „Hotel kann jeder“.

Und wie er geschrieben hat! Wenn er meint, hier würde trockene Episode an trocken Episode gereiht, dann hat er sich getäuscht. Der Autor ist, berufbedingt, ein Meister des Schreibens. Und so fesselt er seine Leser, Camper oder Anti-Camper, von der ersten bis zur letzten Zeile mit spannenden Schilderungen zum Camperleben, ja zum Autofahrerleben im Urlaub überhaupt. Jeder, der schon einmal mit dem eigenen Wagen in den Süden gefahren ist, kann das eigene Erlebnis mit Austilats Erzählungen vergleichen und viel Übereinstimmung feststellen - und was will ein Autor mehr???

Über den Autor:
Andreas Austilat, geboren 1957, ist stellvertretender Leiter des Ressorts „Sonntag“ beim Tagesspiegel. Regelmäßig erscheint dort seine beliebte Kolumne „Meine Frau, ihr Garten und ich“. Austilat ist verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter und lebt in Berlin – wenn er nicht gerade mit dem Wohnwagen unterwegs ist.

Andreas Austilat: Hotel kann jeder. Meine Frau, unser Wohnwagen und ich. 2014, Originalausgabe. 288 Seiten, Broschur. Goldmann. ISBN: 978-3-442-15773-0. € 8,99 [D] / € 9,30 [A] / CHF 13,50*, (* empf. VK-Preis).

Dieter Buck

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