Mittwoch, 3. Februar 2016

Julien Blanc-Gras: Tourist

Julien Blanc-Gras:  Tourist  
Wie ich mit Buddhas Mutter zu Abend aß, in Mosambik Frösche fing und Radarfallen im Busch entkam



Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und zugegeben, es ist seit dem Erscheinen des „Tourist“ von Julien Blanc-Gras nun doch schon fast ein Jahr her. Aber man kann eben nicht alles immer gleich entdecken. Ob als Tourist oder als aufmerksamer Rezensent. Sei’s drum.

Aber besser etwas später als nie. Und mein erster Eindruck: Haptik und Layout ist bei einem Buch nun nicht gerade das Wesentlichste (kann man das überhaupt steigern???). Aber trotzdem wesentlich. Zumindest für mich. Wenn ich ein Buch in der Hand halte, dann habe ich ein ganz anderes Gefühl dafür als wenn ich den Text mir am Bildschirm ansehe. Fühlen, sehen. Schmecken nun nicht gerade. Aber es gibt Bücher, die riechen unangenehm. Aber das sind vor allem Bildbände auf Hochglanzpapier. Aber dieses Buch, nach alter Art fein ausgestattet mit Schutzumschlag und Lesebändchen, gibt mir von Anfang an ein gutes Gefühl.

Berufswunsch: Tourist!
Es gibt unangenehmere Berufe. Und so war Julien Blanc-Gras bereits als Kind ist fasziniert von Karten und schlief lieber mit einem aufblasbaren Globus ein als mit einem Kuscheltier. Seither ist er seinem erklärten Ziel, jedes Land der Welt zu bereisen, ein beachtliches Stück näher gekommen. Die „Magie der Karten“ bescherte ihm seinen erste ästhetischen Schock, schreibt er. Auch die körperliche Seite der Geografie entdeckte er nach einer Zeit der „platonischen Liebe“. Bei einer Lebenszeit von 30 000 Tagen, so liest man in seiner Präambel, rechnete er sich durchschnittlich fünf Monate für jedes Land aus. Nun gut, einige Länder lassen sich vielleicht auch schneller erledigen – Luxemburg etwa erklärt der Autor nach einem kurzen Tankstopp bereits für abgehakt …

Von der Krümmung des Universums bis zur Sexszene
Der Autor macht es seinen Lesern einfach: Das Buch ist gegliedert in Episoden, die da heißen wie die erste: „Englische Episode, in der man die Bedeutung der Reisefreiheit erfasst“ oder die letzte „Mosambikanische Episode, in der man mit der Landschaft verschmilzt“. Dazwischen geht es unter anderem nach Indien. Nach Marokko, nach Polynesien, Brasilien, China, Madagaskar und in andere Länder.

Episoden die man kaum für wahr hält
Blanc-Gras‘ Themen sind Buddhas Mutter, lächerliche Länder, Karaoke, die Krümmung des Universums und natürlich auch Sex, dem ebenfalls eine Episode gewidmet ist. Wie wird man für einen Bollywood-Film gecastet, frägt er sich? Was kann in der marokkanischen Wüste noch mehr nerven als ein Heuschreckenschwarm? Wovon ernährt sich der Buddha Boy? Wie übersteht man Affenattacken in Indien, Schlammbäder in kolumbianischen Vulkanen, Karaokewettbewerbe auf dem Jangtsekiang? Und vieles mehr noch, zum Glück, 235 Seiten lang.

Mutig in der heutigen Zeit: politische Unkorrektheit
Der reiseverrückte Autor liefert nicht nur Antworten auf diese und viele weitere Fragen; er stellt sich auch unbequemen Wahrheiten, denen er mit einer gehörigen Prise schwarzen Humors und politischer Unkorrektheit begegnet, wo es ihm notwendig erscheint. Wer traut sich das noch, immer mit dem Hintergedanken, einen shit-Sturm zu entfachen, dem man vielleicht nicht mehr Herr wird? Dank sei also mutigen Leuten, die es sich getrauen, auch mal frech und unkorrekt zu sein.

Mit selbst ernannten Weltverbesserern hat der Autor nämlich genauso wenig gemein wie mit ehrgeizigen Abenteurern, und durch sein kurzweiliges Buch beweist er, dass es für die Entdeckung der Welt nicht viel mehr braucht als Höflichkeit, Neugier und Offenheit.

Alles ist spannend, interessant und perfekt geschrieben bzw. übersetzt, mit so viel persönlichem Engagement und Erlebnis, dass man sich fragt: Ist die Geschichte mit der Lebensreise wirklich wahr oder ist der Autor „nur“ ein begnadeter Erzähler und viel Phantasie? Beschrieben wird er jedenfalls als „leidenschaftlicher Reisender“. Würde mich schon interessieren, ist aber letztendlich auch egal. Die Zeit mit dem Buch war es wert, sich darin verloren zu haben. Und zwar auf dem heimischen Sessel. Und das ist doch auch schon was…

Zum Autor:
Julien Blanc-Gras, geboren 1976 in Gap in den französischen Alpen, ist Journalist, Buchautor und leidenschaftlicher Reisender. Tourist, in Frankreich ein Erfolg bei Presse und Publikum, ist sein erstes Buch, das auf Deutsch erscheint. Zuletzt veröffentlichte er den kritischen Bericht Paradis (avant liquidation) über seinen Aufenthalt auf den durch den steigenden Meeresspiegel bedrohten Kiribati-Inseln.

Julien Blanc-Gras: Tourist Wie ich mit Buddhas Mutter zu Abend aß, in Mosambik Frösche fing und Radarfallen im Busch entkam. Aus dem Französischen von Annika Loose, 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Verlag mare. ISBN 978-3-86648-219-7. 20 €.


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